Wer den Konzertsaalbau der DDR verstehen will, muss mit einer Zahl anfangen: eins. In vierzig Jahren entstand genau ein Neubau, der ausschließlich als Konzertsaal geplant und gebaut wurde — das dritte Leipziger Gewandhaus, eröffnet am 8. Oktober 1981. Alles andere, was heute als DDR-Konzertsaal gilt, war ursprünglich etwas anderes: Mehrzweckhalle, Festsaal, Kulturhaus.
Diese Asymmetrie ist keine Fußnote. Sie erklärt, warum der Umgang mit diesen Bauten heute so schwierig ist — und warum ausgerechnet die Akustik zum Hebel wurde, mit dem sich denkmalgeschützte DDR-Moderne umbauen lässt.
Das Gewandhaus 1981: der Sonderfall
Der Bau geht auf städtebauliche Konzepte von 1975/76 zurück, Grundsteinlegung war am 8. November 1977. Verantwortlich war ein Team um den Chefarchitekten Rudolf Skoda, mit Eberhard Göschel, Volker Sieg und Winfried Sziegoleit.
- Großer Saal: 1.900 Plätze, terrassierte Weinberg-Anordnung
- Mendelssohn-Saal: 498 Plätze
- Orgel: Schuke, später auf 91 Register mit 6.845 Pfeifen erweitert — der größte Orgelneubau der DDR
- Deckengemälde: Gesang vom Leben von Sighard Gille, 714 m², bis 31,80 m Höhe
Die Akustik verantwortete ein Team um Wolfgang Fasold, Helgo Winkler, Hans-Peter Tennhardt und Eberhard Küstner. Ein Detail aus der Bauphase, das viel über die Bedingungen sagt: Zur Messung bei voller Besetzung wurden mehrfach NVA-Soldaten in den Saal beordert. Ein besetzter Saal klingt anders als ein leerer — Publikum ist Absorptionsfläche. Wer 1.900 Menschen für eine Messreihe braucht und keinen Kartenvorverkauf hat, nimmt Wehrpflichtige.
Das Deckengemälde ist baukünstlerisch der interessanteste Teil: Es ist als Ganzes von keinem Standpunkt im Saal aus zu sehen. Man erfässt es nur im Gehen, in Ausschnitten. Baubezogene Kunst in der DDR war selten dekorativ gemeint; sie war als Teil der Raumerfahrung konzipiert — und genau deshalb lässt sie sich bei späteren Umbauten nicht einfach abnehmen und einlagern.
Der Regelfall: die Mehrzweckhalle
Überall sonst baute die DDR Kulturhäuser, die alles können mussten: Parteitag, Betriebsfeier, Tanzveranstaltung, Sinfoniekonzert. Der Dresdner Kulturpalast von 1969 — Architekten Wolfgang Hänsch und Leopold Wiel — ist der Prototyp: ein Mehrzweck-Festsaal mit Kippparkett, 2.740 Plätze.
Das Kippparkett ist die bauliche Verkörperung des Programms: ein Boden, der sich von eben auf ansteigend verstellen lässt, damit derselbe Raum bestuhlt und unbestuhlt funktioniert. Akustisch ist das ein Kompromiss, der in beide Richtungen verliert. Ein Saal, der für Sprache, Tanzmusik und Orchester zugleich taugen soll, taugt für keines davon ganz.
Was mit diesen Bauten heute passiert
Der Kulturpalast steht seit 2008 unter Denkmalschutz. Zwischen 2012 und 2017 wurde er dennoch grundlegend umgebaut — nach einem Wettbewerbsentwurf von von Gerkan, Marg und Partner, für über 101 Millionen Euro. Die Wiedereröffnung war am 28. April 2017.
Der Eingriff ist ein Lehrstück darin, wie eine Denkmalgenehmigung im Bestand der Nachkriegsmoderne zustande kommt: Die Hülle bleibt, der Kern wird ersetzt.
| Erhalten | Entfernt oder ersetzt |
|---|---|
| Wandfries „Unser sozialistisches Leben“ (Drache/Rehn, 45 × 1,9 m) | Kippparkett und Mehrzwecksaal komplett |
| Wandbild „Der Weg der roten Fahne“ (30 × 10,5 m) | Jehmlich-Orgel von 1970 (2015 nach Cottbus abgegeben) |
| Bronzetüren von Gerd Jaeger | Wasserspiele, Studiobühne, Seminarräume |
An die Stelle des Mehrzwecksaals trat ein reiner Konzertsaal mit rund 1.800 Plätzen in Weinbergform — ausdrücklich nach dem Vorbild des Leipziger Gewandhauses. Die neue Orgel baute Hermann Eule Orgelbau, 55 Register, 4.013 Pfeifen, geweiht am 8. September 2017.
Man kann das als geglückte Rettung lesen: Ein Bau, dessen Nutzungskonzept historisch überholt war, bekam eine Aufgabe, die ihn trägt. Man kann es auch als Verlust lesen: Das Kippparkett war die eigentliche Erfindung dieses Hauses, und es ist weg. Beide Lesarten sind vertretbar — und genau diese Ambivalenz macht die DDR-Moderne zum schwierigsten Feld der deutschen Denkmalpflege.
Warum das über Konzertsäle hinaus interessiert
Die Bauten der Nachkriegsmoderne kommen jetzt in das Alter, in dem über ihren Schutz entschieden wird — und sie kommen gleichzeitig in den Zustand, in dem ihre Technik am Ende ist. Drei Konflikte wiederholen sich dabei fast immer:
- Baubezogene Kunst ist rechtlich Teil des Denkmals, praktisch aber unbeweglich. Ein Wandfries von 45 Metern Länge lässt sich nicht „berücksichtigen“ — er determiniert den Grundriss.
- Die Konstruktion verträgt keine energetische Standardlösung. Vorhangfassaden, große Glasflächen, Betonfertigteile: Außendämmung zerstört das Erscheinungsbild, Innendämmung ist bauphysikalisch heikel.
- Die ursprüngliche Nutzung existiert nicht mehr. Ein Denkmal ohne Nutzung verfällt. Die Frage ist deshalb nicht, ob umgenutzt wird, sondern wie viel Substanz die Umnutzung kostet.
Zur Methodik, mit der solche Bauten vor einem Eingriff untersucht werden, siehe Bauforschung an der Osnabrücker Marienkirche. Wer ein Gebäude aus dieser Epoche besitzt — auch ein sehr viel kleineres, eine Kaufhalle, ein Betriebsgebäude, ein Wohnhaus in Plattenbauweise — sollte den Denkmalstatus früh klären. Die Unterschutzstellung der Nachkriegsmoderne läuft in den Ländern gerade und trifft Eigentümer häufig mitten in der Sanierungsplanung.
Stand: 24.08.2026. Allgemeine Information, keine Rechtsberatung. Denkmalrecht ist Landesrecht; maßgeblich ist die zuständige untere Denkmalschutzbehörde.